|  15. Januar 2022

Muss ich Luhmann lesen, um Luhmann zu verstehen?

Geschrieben von Alexander Jungwirth

Über den Mythos der Unlesbarkeit von Niklas Luhmann

Einen wunderschönen guten Morgen an alle Leserinnen und Leser von Expedition Arbeit. Florian hat vor ein paar Tagen wieder mal eine „Provokation“ in die Luft geworfen und ich habe sie aufgefangen, quasi angebissen.

 Muss ich Luhmann lesen, um Luhmann zu verstehen?

 Ich hatte das Glück von einer Vertrauten und Schülerin von Heinz von Förster unterrichtet zu werden. Sie sagte mir viel und vieles verstehe ich erst jetzt, doch eines war relevant für das Verstehen von Systemtheorie. „Du wirst etwa 10 Jahre brauchen bist du verstehst, denn unsere Sprache ich dafür nicht gemacht das Unsichtbare zu beschreiben.“

Das verstand ich damals natürlich auch nicht, obwohl ich die Worte sehr wohl verstanden habe. Auf der anderen Seite sagte sie mir: „Um die Systemtheorien nur im Ansatz zu verstehen, musst du die Primärliteratur dazu lesen.“

Und da war es schon wieder dieses verflixte Paradoxon. Um zu verstehen soll ich etwas lesen das ich nicht verstehe, dass in einer Sprache geschrieben ist, welche nicht dafür geeignet ist. Aber so ist die Systemtheorie. Sie ist nicht linear sondern zirkulär. Nicht umsonst ist das Zeichen der Kybernetik der Oroboros, der Drache der sich in den Schwanz beißt.

 Nun gut, wenn alles zirkulär ist, ist es ja egal wo ich anfange und das Eine ergibt das andere. Ich schnappte mir ein Buch vom Management-Kybernetiker Stafford Beer und begann zu lesen. Und ich stellte es am selben Tag wieder ins Bücherregal und griff wieder zur Sekundärliteratur, zur Übersetzung. Mir rauchte regelrecht der Kopf.

 Aber warum ist das so?

 Ich denke unsere Sprache ist dafür nicht konstruiert. Unsere Sprache ist eher für Klatsch und Tratsch konstruiert. 

“Wo gibt es die besten Früchte und wem kann ich vertrauen und wem sollte ich aus dem Weg gehen?” [Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit]

 Diese „schwer zu lesenden“ Bücher sind nicht linear geschrieben wie ein Roman, sie erzählen keine Geschichte. Und dann kommt noch hinzu, das die westliche vernunftbetonte Tradition fast nicht in der Lage ist, sich mit solchen isomorph-zirkulären Problemen auseinander zu setzen.

Vieles in unserer „westlichen Welt“ hat einen linearen Aufbau. Auf A folgt B, auf B folgt C, auf C folgt usw. Mit einem Anfang und einem Ende. Und in der Systemtheorie ist alles zirkulär, es geht immer um Kreisläufe, um strukturelle Kopplungen. Und ein Kreis hat bekanntlich keinen Anfang oder ein Ende.

 Luhmann hat sich doch ab und an dafür entschuldigt es nicht verständlicher beschreiben zu können. Er nannte es die Unzulänglichkeit der Darstellung durch unsere Sprache. Sprache ist schon für das Komplizierte kompliziert. Wie sieht es dann mit der „Unbeschreibbarkeit“ von Komplexität aus?

 Dazu zwei Stellen aus seinen Büchern, um dies ein wenig zu verdeutlichen.

 Luhmann zur Sprache: Es gehört zu den schlimmsten Errungenschaften unserer Sprache und die Gesamtdarstellung der Systemtheorie in diesem Buche ist aus diesem Grunde inadäquat, ja irreführend, die Prädikation auf Satzsubjekte zu erzwingen und so die Vorstellung zu suggerieren und schließlich die alte Denkgewohnheit immer wieder einzuschleifen, dass es um Dinge gehe, denen irgendwelche Eigenschaften, Beziehungen, Aktivitäten oder Betroffenheit zugeschrieben werden.

 Luhmann zur Welt als Konstrukt: Wenn alle Erkenntnis auf Grund einer Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz erarbeitet werden muss, gilt zugleich, dass alle Erkenntnis und damit alle Realität ein Konstrukt ist. Denn diese Unterscheidung von Selbstreferenz  und Fremdreferenz kann es ja nicht in der Umwelt des Systems geben (was wäre da Selbst und was wäre da Fremd?), sondern nur im System selbst.

 Ich denke um diese Sprache zu verstehen, muss man erst diese Welt verstehen, welche damit beschrieben wird. Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann war auch ein Konstruktivist, wie der Kybernetiker Heinz von Foerster, der auch ein Physiker und Philosoph war.

 Es wäre sicherlich hilfreich sich zuerst mit den Geschichten der Konstruktivisten zu beschäftigen. Mit dem Ziel, sein lineares Weltbild aufzutrennen. Der Konstruktivismus erklärt, viele in der Systemtheorie beschriebenen Verhältnisse, in einer Sprache die wir alle am besten verstehen. Mit Geschichten. Der Konstruktivismus nutzt das Lineare um das Zirkuläre zu beschreiben.

 In Folge zwei Beispiele: Herr Linie von der Scheibenwelt trifft sich mit Frau Ball von der Kugelwelt. Nach dem üblich Klatsch und Tratsch zu Beginn des Gespräches fragt Frau Ball Herrn Linie: „Und wie habt ihr das Problem mit den Satelliten gelöst?“

 Oder die Geschichte vom Steinmetz: Ein Reisender kommt zu einen Steinbruch und fragt den ersten Mann der er trifft, was sie hier machen? „Wir klopfen Steine das sieht man doch?“ „Und woher wisst ihr, ob der Stein passt?“: fragt der Reisende. Herr A sagt mir B was ich machen soll. Und Herr C holt den Stein ab und gibt im Herrn D zum Abtransport. Der Reisende ging weiter und kam zu einem weiteren Steinbruch und fragte abermals den ersten Mann, was sie hier machen. „Wir bauen diese Kathedrale dort drüber. Und das ist ein Stein für das Portal. Ich gehe hin und messe. Komme zurück und behaue den Stein. Gehe hin und prüfe ob er passt. Und korrigiere falls notwendig. Und dann messe ich wieder, usw.“

 Nun zurück zur Anfangs gestellten Frage: Muss ich Luhmann lesen, um Luhmann zu verstehen? Ich denke man muss Luhmann zuerst verstehen um Luhmann lesen zu können.

Oder vielleicht doch zuerst lesen?

 Das waren eine paar Innenansichten eines Artgenossen, ohne Anspruch auf Richtigkeit. Nur ein paar Konstrukte sozusagen. Vielen Dank fürs Lesen und vielleicht bis bald in diesem Theater.

Servus.

 

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Autor: Alexander Jungwirth

Zuerst veröffentlicht in Sendung 16 des Community Radios von Expedition Arbeit im März 2021.

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